Am Donnerstag, 2. September, war das Musikfest-Wunderwerk gleich dreimal im Theaterhaus zu bestaunen: Wladimir Boritschs Kinderpantomime »Die Zaubernacht« in der Vertonung des jungen Kurt Weill, charmant-witzig-hintergründig inszeniert von Nina Kurzeja, zog Jung und Alt gleichermaßen in ihren Zauber-Bann. Ein paar Impressionen dieser Erstaufführung haben wir für Sie mit der Musikfest-Kamera im Bild festgehalten, Nachlesenswertes bieten einige Auszüge aus den Feuilletons.
»Was sich da im Stuttgarter Theaterhaus in der einstündigen pausenlosen Produktion von Nina Kurzeja (Leitung, Konzept, Regie, Choreografie) und Bernhard Eusterschulte (Bühnenbild, Dramaturgie) mit ihrer technischen Equipe und ihrer handverlesenen Tänzer- (plus Sängerin-)Kompanie nebst den zehn Musikern des Arte Ensemble Hannover tat, war allemal den Festspielaufwand wert – vor allen wegen der hinreißenden Musik des damaligen Twen Kurt Weill am Anfang seiner Berliner Karriere. [...] Nicht ganz einfach, dieses nächtliche Puppenstuben-Erwachen, librettomäßig eigentlich noch ganz der „Coppélia“-, „Nussknacker“- und „Puppenfee“-Tradition verhaftet, der Generation der Harry-Potter-Fans schmackhaft zu machen. Doch das ist der Lady aus dem Stuttgarter Ballett-Off wahrlich zauberhaft und ungemein einfallsreich gelungen. Sie hat sich dafür einen eigenen tänzerisch-pantomimischen Groteskstil ausgedacht hat, den sie mit viel Bewegungswitz praktiziert, unterstützt von ihrer Acht-Tänzer-Crew, die sich vielleicht, wenn sie, wie gewünscht, zusammenbliebe, den Namen Ninas Kurzmimenteam zulegen könnte. Die machen das so famos, dass man sich gern von ihrer Gutgelauntheit anstecken lässt und Mühe hat, die eigenen Zappelglieder an der Kandare zu halten.« (koeglerjournal / tanznetz.de, 2.9.)
Mit dieser Aufführung ist der Bachakademie beim Musikfest eine kleine Sensation geglückt, denn seit der Premiere 1922 war Weills Originalmusik verschollen, erst vor fünf Jahren wurde sie zufällig in der Yale-Universität entdeckt. [...] Weill verwendet genial alle Möglichkeiten seiner Zeit, arbeitetmit atonalen Passagen, lässt die Streicher in schönsterWalzerseligkeit schluchzen, imitiert den Neoklassizismus, aber auch die harmonischen Errungenschaften derZweiten Wiener Schule. Das Arte Ensemble Hannover gestaltet das souverän. Beeindruckend übersetzen Nina Kurzeja und ihr Ensemble das in klassisches Tanzvokabular und experimentierfreudigen Körpereinsatz. Parodistische Walzerbewegungen und vorsichtiges Schleichen zu Streicher-Tremoli sind nur einige der vielenAusdrucksformen.« (Markus Dippold, Stuttgarter Zeitung, 4.9.)
»Kurzejas sieben Tänzer und die Sängerin Natasja Docalu als Zauberfee [...] tobten goldig und unermüdlich durch die originelle Inszenierung, die oft pantomimisch und clownesk, manchmal ganz zart mit Elementen des modernen Tanzes versetzt war. Bis am Schluss die Spielsachen wieder erstarren, von den müden Kinder sorgfältig zugedeckt. Ein letztes Mal aber lächeln Hampelmann & Co. der Spielzeugfee zu, so geheimnisvoll wie das feine, leise Wiegenlied, das so gar nicht nach Kurt Weill klingt. Das schöne Kinderstück schließt nicht nur eine Lücke im frühen Oeuvre des deutsch-amerikanischen Komponisten, es macht den spröden, politischen Künstler fast ein wenig menschlicher.« (Angela Reinhardt, Eßlinger Zeitung, 4.9.)
»Katharina Erlenmeiers Hampelmann trägt Trauer und ein Skelettkostüm, auch Schlafes Bruder darf mittanzen. Tom Baert macht aus dem Stehaufmännchen einen kessen, immer wieder strauchelnden Rollschuhfahrer. Alexandra Brenk gibt im pinkfarbenen Lackdress eine Puppe, in der trotz mechanischen Ruckelns viel Sex-Appeal steckt; auch Erik Reisinger hat unterm Pferdekopf Verführungspotenzial. Diane Marstbooms Bär ist eine knuffige Miss Marple, aus ihrem Honigtopf naschen Cedric Huss und Kira Senkpiel mit großen Augen und kindlicher Naivität. So macht Kurzeja aus der „Zaubernacht“ einen Traum über die Grenze der Unschuld hinweg, die Kindheit vom Erwachsensein trennt.« (Andrea Kachelriess, Stuttgarter Nachrichten, 4.9.)