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Musikfest Stuttgart

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Ein Festival über das Wasser

Grafik: vjp

Von den Naturphänomenen des Lichts, des Wassers und der Nacht ist das Wasser das Einzige, das selber klingt: die tosende See, der rauschende Bach, der plätschernde Regen… Wasser macht Musik und ist schon deshalb ein ergiebiges Thema für das Musikfest Stuttgart. Der chinesisch-amerikanische Komponist Tan Dun ist Artist in Residence des Musikfests Stuttgart 2011, weil er wie kein anderer Komponist mit den Klängen des Wassers arbeitet: Water Passion, Water Concerto und Ghost Opera sind Werke, in denen das Nass instrumental eingesetzt wird. Aber auch andere Musiker bringen das Wasser zum Klingen: An John Cages 99. Geburtstag würdigt die Sinfonietta Leipzig den Komponisten mit einer Aufführung des Waterwalk für Badewanne, Dampfkessel, Gießkanne und andere Utensilien. Und am selben Abend bestreitet der norwegische Schlagzeuger Terje Isungset ein Konzert auf selbstgebauten Instrumenten aus Eis. John Cage, Terje Isungset und Tan Dun verwenden das feuchte Element, um mit seinem Klang zu arbeiten. Viele andere Komponisten haben das Wasser mit traditionellen Mitteln beschrieben und tonmalerisch porträtiert.

Das italienische Ensemble Zefiro reist mit den Höhepunkten barocker »Wasserwerke« nach Stuttgart: Händels Wassermusik, Telemanns Hamburger Ebb’ und Flut, Vivaldis La tempesta di mare. Die großen britischen »Meeresmusiken« werden vom European Union Youth Orchestra in die Liederhalle gebracht: Elgars Sea Pictures, Brittens Sea Interludes und Vaughan Williams’ Sea Symphony. Und in beinahe jedem Konzert dieses Musikfests werden dem geneigten Hörer Werke begegnen, die vom Süß- oder vom Salzwasser handeln: Ravels Jeux d’eaux, Kats-Chernins Colours of the Sea, Schuberts Forellenquintett, Debussys La Cathédrale engloutie, Eislers Vierzehn Arten, den Regen zu beschreiben, Tüürs Aqua, Liszts Au lac de Wallenstadt und Au bord d’une source, Chopins Barcarolle, Mendelssohns Meeresstille und glückliche Fahrt, Wagners Rheingold-Vorspiel, Widmanns Insel der Sirenen und Schuberts Winterreise. Die Lange Vokalnacht am 2. September präsentiert Madrigale, Motetten und andere Stimmkunst zum Thema Wasser – unter anderem Adriano Banchieris Madrigaloper Barca di Venezia per Padova.

Der venezolanische Komponist Gonzalo Grau hat das Oratorium AQUA für das Musikfest Stuttgart geschrieben – ein Stück über die Wege des Wassers mit metaphorischem Hintersinn. An den berühmtesten Seefahrer der antiken Mythologie erinnern wir am 14. September; dieser Tag wird ganz im Zeichen des Odysseus stehen. Die italienischen Monteverdi-Spezialisten von La Venexiana bringen Monteverdis Oper Il ritorno d’Ulisse in patria halbszenisch auf die Bühne. Zuvor diskutieren Journalisten des Preises der deutschen Schallplattenkritik über die Stärken und Schwächen der zahlreichen Aufnahmen dieses Werks; und am Vormittag gibt es in der Staatsgalerie eine Führung zu John Flaxmans Illustrationen der Homerschen Odyssee.

Wasser bedroht, Wasser errettet, Wasser reinigt von Schuld: Für das Christentum ist das nasse Element ein zentrales Symbol. Seit Erschaffung der Welt, als der Geist Gottes über dem Wasser schwebte, zieht es sich als bedeutungsvolles Motiv durch die Bibel: die Sintflut, der Durchzug durch das Rote Meer, das Regenwunder des Elias, die Taufe Jesu im Jordan, das am Kreuz aus der Seite Christi fließende Wasser... – all dies ist von elementarer heilsgeschichtlicher Bedeutung. Gleich das Eröffnungswochenende wird von den biblischen Widersachern Ahab und Elias beherrscht. Freilich ist mit dem Ahab unseres ersten Konzerts der Kapitän aus Melvilles Walfänger-Epos Moby Dick gemeint – Melville spielte mit der Namensgebung bewusst auf den alttestamentarischen Gegenspieler des Propheten Elias an. Und wie ließe sich ein Wasserfestival besser eröffnen als mit der von Mendelssohn vertonten Geschichte dieses Propheten, der eine gewaltige Dürre herbeirief?

Helmuth Rilling wird die zweite Woche des Musikfests mit einem ganzen Zyklus von Gesprächskonzerten in der Stiftskirche prägen, die sich den »Wassermusiken« Johann Sebastian Bachs widmen: In seinen Kantaten und Passionen hat Bach von der geistlichen Metaphorik des Wassers oftmals Gebrauch gemacht. Die Gambistin Hille Perl schließlich unternimmt mit ihrem Ensemble Sirius Viols einen Ausflug in die Zeit vor Bach, als viele Komponisten unter dem Eindruck der Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges Klagemusiken komponierten. Franz Tunders An Wasserflüssen Babylon ist dafür ein bewegendes Beispiel.

Es mag gewagt erscheinen, ein Wasser-Festival ausgerechnet in Stuttgart zu veranstalten. Die bedeutendsten Gewässer der Stadt sind der Nesenbach und der Eckensee; dem Neckar wendet die Landeshauptstadt ihren Rücken zu. Zum Glück gibt da noch das bestgehütete Geheimnis Stuttgarts: das zweitgrößte Mineralquellenvorkommen Europas. Aus neunzehn Brunnen beiderseits des Flusses sprudeln hier täglich bis zu 44 Millionen Liter Mineralwasser – Grund genug, eine Konzertreihe Stuttgart Bäderstadt innerhalb des Musikfests aufzulegen, drei Konzerte in den drei Mineralbädern der Stadt.

Wer hat schon einmal einen Spätsommermorgen auf dem Neckar verbracht? Das Musikfest bietet Gelegenheit dazu: Alle Frühtau-Konzerte um 7 Uhr werden auf dem Theaterschiff stattfinden, das am Cannstatter Mühlgrün vor Anker liegt. Nach dem Konzert lässt es sich auf dem Sonnendeck des Schiffes herrlich frühstücken. Jede Woche mittags von Montag bis Freitag laden Brunnenmusiken zum Verweilen ein an den schönsten Brunnen der Stadt. Schließlich gibt es Wasser-Orte in Stuttgart, die kaum jemand kennt und in denen niemals Musik erklingt – bis jetzt. Im Speicher Rohr, einem riesigen Trinkwasserreservoir der Bodensee-Wasserversorgung, werden die Neuen Vocalsolisten Stuttgart auftreten, in der Turbinenhalle Hasenberg der EnBW das schwedische Ensemble »the peärls before swïne experience«.

Das Musikfest Stuttgart 2011 wird also wirklich in der ganzen Stadt gefeiert – zu Lande und zu Wasser.

Michael Gassmann
Chefdramaturg