
Ob als charismatischer Dirigent seiner Werke (Water Concerto, Paper Concerto, Water Passion), ob als übersprudelnder Gesprächspartner im Musikfest-Café, ob als hochinteressierter Besucher eines Frühtau-Konzerts oder als Initiator neuer Projektideen – Tan Dun war ein Artist in Residence, wie man ihn sich nur wünschen kann: omnipräsent, charmant, didaktisch klug, ungeheuer konzentriert bei der Arbeit und überschäumend in seiner Freude über alles Gelungene. Es soll Gächinger gegeben haben, die sich das erste Autogramm ihres künstlerischen Daseins geben ließen. Schönste Belohnung für Tan Dun und alle Anwesenden vor und auf der Bühne: Ein jubelnder Beethoven-Saal zum Musikfest-Finale.

Eine gute Woche Zeit hat er benötigt, unser pfiffiger Praktikant Daniel Frosch aus Karlsruhe, um in einem Multi-Schnitt-Studio die knapp 250 Gigabyte (!!!) HD-Material aus drei Kameraperspektiven und Audiodaten aus vier Kanälen zusammenzuschneiden. Nach dem großen Erfolg der Youtube-Mitschnitte von der Bachwoche 2011 haben wir uns entschlossen, auch die vier Gesprächskonzerte des Musikfests frei ins Netz zu stellen. Helmuth Rilling hat sich die Mühe gemacht, Bachs Kantaten und Passionen ganz speziell auf unser Wasser-Thema hin zu untersuchen. Das Ergebnis ist eine absolut einzigartige Serie seiner »Hausmarke« Gesprächskonzert!

Am Samstag, 3. September, hat die europäische Erstaufführung des Oratoriums AQUA von Gonzalo Grau im Beethoven-Saal große Begeisterung hervorgerufen. Der Venezolaner hat das bereits in Lateinamerika vorgestellte Werk im Auftrag der Internationalen Bachakademie Stuttgart eigens für das Musikfest komponiert. Neben einem ganz außergewöhnlichen Solistenensemble musizierte das Bundesjugendorchester gemeinsam mit der Gächinger Kantorei unter Leitung der Helmuth-Rilling-Preisträgerin María Guinand. Mit zwei Video-Sequenzen, mit Fotos von Proben und Konzert und mit einem Tagebuch unserer Schüler-Praktikantin Thea Stietz haben wir uns mitten hinein begeben in dieses faszinierende Projekt.

Die Turbine in der Halle an der Hasenbergsteige wurde extra heruntergefahren, eines der riesigen Becken im Wasserspeicher Rohr eigens für das Konzert geleert: Doch der Aufwand hat sich gelohnt! Wer eines der beiden Konzerte miterleben durfte – beide wurden wegen großer Nachfrage wiederholt –, wird die unvergleichliche Atmosphäre so schnell nicht vergessen, mit der die beiden Ensembles die wohl mit Abstand außergewöhnlichsten Musikfest-Konzerträume füllten. Wohlgemerkt: mit Neuer Musik!

Gesammelte Web-Galerien und Kurvideos:
»Wasserspaziergang« mit John Cage und Dietrich Henschel
»Annettes Daschsalon« im Römerkastell
»Stürmisch bewegt« – das EUYO mit Vladimir Ashkenazy
»Im Frühtau« mit dem Wiener Glasharmonika Duo

Drei herausragende Ensembles, drei ganz unterschiedliche Programme: Das Ensemble Zefiro, erfüllt vom Holzbläser-Atem Zephyrs, des Gottes der westlichen Winde, hat sich die Highlights barocker Wassermusiken für sein Konzert im Weißen Saal des Neuen Schlosses ausgesucht; La Venexiana, Monteverdi-Interpreten par excellence, wählten dessen Oper »Il ritorno d’Ulisse in patria« (Die Heimkehr des Odysseus) für eine packende halbszenische Darstellung im Theaterhaus; und Hille Perl gestaltete mit ihren Sirius Viols ein tränenreiches Programm aus Klagemusiken des siebzehnten Jahrhunderts in der illuminierten Marienkirche.

In kleinen Gruppen beriet man sich nach einer jeden Brunnenmusik, wie am besten zum Brunnen des Folgetages zu gelangen sei: Manch ein(e) Besucher(in) mag auf diese Weise alle 15 Brunnenmusiken miterlebt haben. Was als eine Reihe musikalisch aparter Episoden zum Thema Wasser gedacht war, entpuppte sich rasch als Erfolgsmodell der Musikfest-Mittage – Mit einem solch enormen Zuspruch hatten wir wirklich nicht gerechnet. Dank kluger Auswahl an hochinteressanten kleinen Stücken der »klassischen« und jüngsten Moderne, dank meisterlicher und leidenschaftlicher Interpretation durch die Ensembles und nicht zuletzt dank prägnanter Brunnen-Geschichtchen durch den Kunsthistoriker Michael Wenger wurde aber auch jedes der Brünnele-Ständchen zum feinen Musikfest-Ereignis.

Stuttgart verfügt über das zweitgrößte Mineralwasservorkommen Europas. Neunzehn Quellen, davon dreizehn als Heilquellen staatlich anerkannt, schütten täglich bis zu 44 Millionen Liter unterschiedlich mineralisiertes und teilweise kohlensäurehaltiges Wasser aus. Nur in Budapest sprudelt mehr Mineralwasser aus dem Boden. Unser Musikfest-Thema bot eine wunderbare Gelegenheit, dieses gut gehütete Stuttgarter Geheimnis zu lüften. Mit einem kleinen Festival im Festival haben wir an drei späten Dienstagabenden je eines der drei Mineralbäder bespielt.

Zum ersten Musikfest-Café hatte unser Chefdramaturg Michael Gassmann den Komponisten Oliver Schneller eingeladen. Obwohl wahrlich kein Weichspül-Avantgardist, konnte Schneller das zahlreiche Publikum fast zwei Stunden lang mit spannenden Ausführungen rund um seine - und fremde - Wassermusiken begeistern. Zum Neu- oder Wieder-Entdecken haben wir hier ein paar Ausschnitte aus dem Gespräch für Sie:

Wilder weißer Wal, weiche Wellenbewegung und wuchtige Wasserwogen – von allem und für jeden war etwas dabei am erlebnisreichen Eröffnungswochenende zum Musikfest Stuttgart 2011. Das Konzert am Samstagabend begeisterte mit einer packenden »ozeanischen Parabel« mit Dominique Horwitz als leidenschaftlichem Akteur, der Junge Chor der Bachakademie bot feinste Sangeskunst zum Eröffnungsgottesdienst, und der Sonntagabend endete im Jubel über eine grandiose Elias-Interpretation unter Leitung von Helmuth Rilling. Mit einer Zusammenstellung aus kleinem Film, Pressestimmen und Galerien haben wir einige der zahllosen Eindrücke eingefangen.