
Zum Musikfest Stuttgart gehören die alljährlichen Gesangsmeisterkurse untrennbar dazu. Im Anschluss an den Einzelunterricht bei Hedwig Fassbender und Rudolf Piernay und die Arbeit mit Helmuth Rilling an den Glaubenskantaten Johann Sebastian Bachs, bietet dieses Matineekonzert den Kursteilnehmern die Möglichkeit, die erworbenen Fähigkeiten im Liedrepertoire einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen.

Wohl kaum ein Organist hat in jüngerer Zeit so viele Auszeichnungen für seine CD-Einspielungen erhalten wie Léon Berben. Das hat seinen Grund: Bei ihm verbinden sich profunde historische Kenntnisse mit kraftvoller Musikalität und müheloser Virtuosität. Sein ungewöhnliches Programm zeigt Bach als Arrangeur fremder Werke und Nutzer fremder Themen, aber auch als extremen Harmoniker und Kontrapunktiker.

Der Gedichtzyklus »Abendröte« von Friedrich Schlegel ist ein zentrales Dokument der deutschen Romantik und kann als poetisch-praktisches Exempel der Naturphilosophie gelten, wie sie in der Zeitschrift »Athenäum« um die Wende zum 19. Jahrhundert entwickelt wurde. Nach dieser Vorstellung ist der Schöpfungsakt ein künstlerischer Schaffensprozess, und nur der poetisch begabte Mensch kann diesen vollständig erfassen: »Alles scheint dem Dichter redend. Denn er hat den Sinn gefunden«. Der Zyklus »Abendröte« gibt gewissermaßen wieder, was die Geschöpfe in der Natur dem Dichter erzählen. Franz Schubert entdeckte die Gedichte zunächst einzeln, später als Zyklus und hat offenbar daran gedacht, diesen als Ganzes zu komponieren; doch vertonte er letztlich nur elf der 22 Gedichte. Diese Lieder sind ein Zeugnis für Schuberts kompositorisch experimentelle Phase um 1820, in der er sich intensiv mit der Literatur der deutschen Romantik auseinandersetzte. In diesem Programm werden die vertonten Gedichte gesungen, die übrigen rezitiert. Ergänzt wird das Programm um einige instrumentale Sätze sowie aufschlussreiche Textpassagen von Schlegel und Novalis.