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Musikfest Stuttgart

Herzlich willkommen

Ein Festival über das Licht

LICHT

LICHT

Am Anfang unserer Programmüberlegungen für das Musikfest 2009 standen die großen Jubilare des Jahres: Händel, Mendelssohn und Haydn. Sie sollten ein Zentrum bilden und an je einem Wochenende gewürdigt werden. Aus Haydns Schöpfung borgten wir uns das ursprüngliche Motto „Es werde Licht!“ – ein Titel, der, wie sich bald zeigte, zu direkt auf die christliche Schöpfungserzählung verwies und damit entweder den breiten thematischen Horizont unseres Festivals verstellt oder als bloßes Motto jene Beliebigkeit verströmt hätte, die wir unbedingt vermeiden wollten. Aus „Es werde Licht!“ wurde so LICHT. Aus einem Motto wurde ein Thema – ein Thema, das aufgrund seiner assoziativen Kraft sowie seiner spirituellen und poetischen Tiefe unser gesamtes Programm und jedes einzelne Konzert des Musikfestes 2009 tragen kann.

Das Licht ist jenes Urphänomen, ohne das Leben einfach kaum vorstellbar ist – es spielt in allen Religionen eine grundlegende Rolle, etwa im vorchristlichen Mithras-Kult, um den es in der ersten Veranstaltung unseres Musikfestcafés gehen wird. Das Licht ist die ursprünglichste Form einer Gotteserfahrung. Als Lebensspender repräsentiert das Licht den Bereich von Heil und Wahrheit. Licht wird als Gabe Gottes verstanden oder auch als Widerschein göttlicher Herrlichkeit. Licht repräsentiert aber auch direkt Gott, das „Licht der Welt“. Zugleich sind Licht und Dunkel, Tag und Nacht grundlegende Alltagserfahrungen, die unseren Lebensrhythmus und unsere Stimmungen bestimmen. Außer der Liebe ist nichts so häufig besungen worden wie die Morgenröte und das Abendrot, das Licht und die Finsternis. Licht steht für das grundsätzlich Positive: für Gott, für die Schöpfung, für die Aufklärung, deren Zeitalter im Englischen „Age of Enlightenment“, im Französischen „le siècle des Lumières“ genannt wird. Licht bedeutet Helligkeit, und seine vielfältigen Erscheinungsformen in der Natur – die durch das Laub der Bäume blinzelnde Sonne, ihre Reflexe auf dem Wasser – vermögen in uns die unterschiedlichsten Stimmungen auszulösen. Hinzu kommt das von Menschen gemachte Licht: Zu den größten Erfindungen der Menschheit zählt zweifellos die Glühbirne. Sie ermöglichte nebenbei auch eine der faszinierendsten Kunstformen: den Film, den man treffend auch Lichtspiel nennt. Mit ihm wurde ein stummes Abbild des Lebens geschaffen, das man mit Musik untermalte, um die Emotionen zu verstärken, die der Wechsel von Licht und Schatten auf der Leinwand hervorrief. In der Musikgeschichte haben das göttliche, das natürliche und das künstliche Licht tiefe Spuren hinterlassen. Das Musikfest Stuttgart 2009 wandelt auf diesen Spuren.

„Schau umher! Dunkel bedecket die Welt, finstre Nacht alle Völker. Doch der Herr wird erstrahlen vor dir, seine Herrlichkeit erscheinet vor dir, und die Heiden, sie wandeln im Licht, die Fürsten im Glanze deines Aufgangs. Das Volk, das da wandelt im Dunkel, es sieht ein großes Licht. Und die da wohnen im Lande der Schatten des Todes, vor ihnen geht ein strahlend Licht auf. Denn es ist uns ein Kind geboren, es ist uns ein Sohn gegeben.“ So heißt es im ersten Teil des Messiah. Das Messias-Wochenende des Musikfestes Stuttgart wird mit den Messias-Kompositionen von Händel und Sandström und dem Messias Superstar ganz im Zeichen göttlichen Lichts stehen: Christus als das Licht der Welt. In der Architektur und in der Liturgie der Kirche ist der Bezug zum Licht gegenwärtig: die Ostorientierung der Kirchen, ihre Öffnung hin zur aufgehenden Sonne, sind Resultat dieser Gottesvorstellung – darüber mehr im Musikfestcafé II.

In Gottesdiensten und Konzerten werden wir diesen Topos weiter entfalten: Purcells The Lord Is My Light wird im ersten Stiftskirchengottesdienst zu hören sein, amarcord singt das Nunc Dimittis, jenes Lied des greisen Simeon, der, nachdem er das Heil der Welt gesehen hat, in Frieden scheiden kann. Orgelwerke über Lucis Creator, Christ, du bist der helle Tag und Wie schön leucht uns der Morgenstern spielen Matthias Maierhofer und Jörg-Hannes Hahn. In fünf Sonnenaufgangskonzerten lässt sich die aufgehende Sonne tatsächlich erleben. Wir beleuchten das Thema zudem aus ungewohnten Perspektiven: So gastiert das Hilliard Ensemble mit einem Programm zum Thema Offenbarung. Die Offenbarung Gottes gegenüber den Menschen geschieht im Licht, man denke nur an die biblische Erscheinung Gottes im brennenden Dornbusch.

Das Händelfestspielorchester Halle präsentiert Händels Kantate Donna, che in ciel di tanta luce splendi, die für das Fest Maria Lichtmeß in Rom entstand. Dieses ist auch als Fest der „Darstellung des Herrn“ bekannt und seit je mit einer Lichterprozession verbunden. Maria selbst wird oft als Lichterscheinung begriffen, als „Maria im Strahlenkranz“.

Auf eine andere christliche Tradition weist uns das spanische Ensemble Alia Mvsica mit seinem Bestiario de Cristo hin: Unter den zahlreichen Tieren, die in der christlichen Literatur Christus symbolisieren, nimmt der Adler eine besondere Stellung ein. Im Altertum glaubte man, dass Adler ihren Nachwuchs eine besondere Tauglichkeitsprüfung absolvieren ließen: Sie flögen mit den Kleinen zur Sonne und zwängen sie, in den Glanz des Lichts zu schauen. Die Jungtiere, die das Sonnenlicht nicht ertrugen, würden verstoßen. So wurde der Adler zum Symbol der Himmelfahrt Christi. Als Metapher für das Göttliche schlechthin verwendet Karlheinz Stockhausen das Licht in seinem monumentalen gleichnamigen Zyklus; mehr dazu im Musikfestcafé VI. Und in der Religion des Zarathustra spielt das Licht – im monumentalen C-Dur-Brausen von Strauss kongenial vertont – ebenfalls eine zentrale Rolle.

Es ist sicher nicht verwunderlich, dass Licht auch im nicht-religiösen Bereich zum Sinnbild wurde. Das Zeitalter der Aufklärung brachte den Menschen das „Licht der Vernunft“. Zwei der drei Komponisten, deren Jubiläen wir 2009 begehen, werden ganz besonders mit diesem Zeitalter in Verbindung gebracht: Haydn und Mendelssohn. In Haydns Schöpfung treffen sich die religiöse und die aufklärerische Symbolik des Lichts auf fulminante Weise. Oberflächlich betrachtet, vertont Haydn lediglich die biblische Schöpfungserzählung: „Und Gott sprach: es werde Licht, und es ward Licht. Und Gott sah das Licht, dass es gut war; und Gott schied das Licht von der Finsternis.“ Aber die Emphase, mit der das Wort „Licht“ hier erklingt (wiederum in strahlendstem C-Dur), hat auch mit der aufklärerischen Zweitbedeutung zu tun, die Haydn und der Baron van Swieten (er übersetzte das Libretto von Charles Jennens frei aus dem Englischen) dem Wort beimaßen. Unser Schöpfungs-Wochenende beginnt schon am Donnerstag mit dem heidnischen Frühlingsopfer von Strawinsky und mündet in das festliche Abschlusskonzert mit Werken von Britten und Mendelssohn.

Felix Mendelssohn Bartholdy ist der vielleicht repräsentativste Repräsentant eines Musiklebens, das vom aufgeklärten und selbstbewusstgewordenen Bürgertum maßgeblich geprägt wurde. Seine Religiosität war vielschichtig: Er stammte aus alter jüdischer Familie und wurde christlich erzogen. Mendelssohn bahnte nicht nur der Kirchenmusik den Weg in den Konzertsaal, er versorgte auch den evangelischen und sogar den katholischen Gottesdienst mit Musik. Seine Psalmkompositionen legen von diesem Engagement Zeugnis ab. In drei Konzerten am Psalmen-Wochenende wird beleuchtet, wie der aufgeklärte „jüdische Protestant“ Mendelssohn und sechs kulturell und religiös unterschiedlich geprägte zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten mit den biblischen Texten umgehen.

Neben den Konnotationen Religion und Aufklärung bietet das Thema LICHT Anregungen zur Tonmalerei und zum Stimmungsstück. Haydn beschreibt in der Schöpfung einen Sonnenaufgang, indem er die Violinen und Flöten eine Tonleiter aufwärts spielen lässt. Von dieser Symbolik des musikalischen Aufstiegs macht er auch in der Symphonie Le Matin und im Streichquartett Der Sonnenaufgang Gebrauch. An lichten Stimmungsbildern herrscht im Musikfestprogramm wahrlich kein Mangel: Griegs Morgenstimmung, Debussys Reflets dans l’eau, Viernes Clair de lune und Hymne au soleil, Karg-Elerts Spätsonne, Elgars Chanson de matin, Ysaÿes Morgenröte, Nishimuras Vision in Flames, Millers Moonlight Serenade – das Licht der Sonne und des Mondes haben Komponisten des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts immer wieder inspiriert. In den Liederabenden wird diese Thematik weiter entfaltet. Der unterschwelligen Verwandtschaft zwischen Klang und Licht spürt Peteris Vasks nach, dessen Violinkonzert Distant Light ein Gesang sein möchte, der aus der Stille kommt und in die Stille entschwindet. Alexander Skrjabin wiederum nahm Töne und Tonarten als Farben wahr; das siebte Musikfestcafé berichtet über solche synästhetischen Konzepte.

LICHT als Kunstlicht tritt überall dort mit Musik in Verbindung, wo Klänge visualisiert werden. Dabei kann sowohl die Musik das Bild als auch das Bild die Musik inspirieren. Ob als Film, Videoinstallation oder Licht- und Schattenspiel – stets findet wechselseitige Befruchtung statt. Unsere Konzerte, die das Kunstlicht feiern, finden Sie auf dem Pfad Lichtbilder.

Im Thema LICHT trifft sich also vieles: das Religiöse und das Geistige, das Natürliche und das Künstliche, der Lauf der Dinge vom Sonnenaufgang bis zu ihrem Untergang. Es ist ein reiches Thema, das wir beim Musikfest Stuttgart 2009 zwei Wochen lang zum Klingen bringen.

MICHAEL GASSMANN /// Programmplanung Musikfest Stutgart