#geschmacksache (Foto: Holger Schneider)
Musikfest Stuttgart 2021

#geschmacksache

12.–26. Juni 2021

Das 18. Jahrhundert ist das Zeitalter des Geschmacks gewesen. Immanuel Kant beschreibt 1790 »Geschmack« als ein zwar subjektives, ästhetisches Urteil, weist aber zugleich darauf hin, dass dieses Urteil immer Allgemeingültigkeit für sich beanspruche. Und genau das ist das Widersprüchliche am Geschmack: eine persönliche Meinung, die oft zu allgemeiner Gültigkeit erhoben wird. Schnell wird dann etwas als »geschmacklos« abgetan oder als »geschmackvoll« gelobt. Vor allem in der Musik des 18. Jahrhunderts ist »Geschmack« ein fester Begriff. Barockkomponisten schreiben Konzerte im »italiänischen Geschmack«, einigen Werken Georg Philipp Telemanns wird attestiert, dass sie »nach Frankreich riechen«, und der Flötist Johann Joachim Quantz schwärmt von einem »vermischten Geschmack«, der die Stile mehrerer Nationen miteinander kombiniert. »Geschmack« ist in der Musik wie Kunst überhaupt zu einem Synonym für »Stil« oder »Stilbeherrschung« geworden und hat sich bis in die heutige Zeit erhalten. Das Musikfest-Thema »Geschmacksache« baut auf diesem historischen wie heutigen Begriffsfeld auf und weitet es zu einer vielschichtigen Programmatik aus. Neben unterschiedlichen Stilen aus nahezu allen Zeiten und Epochen trifft Musik auf Kulinarik, verblüffen ungewöhnliche Bearbeitungen, Crossover-Programme, überraschen eigenwillige Formate: alles »Geschmacksache«! So kommt es, dass ein Begriff aus der heutigen Alltagssprache zur Inspirationsquelle eines thematisch durchkomponierten Musikfests wird. Im Zusammenspiel mit international renommierten Künstlern und Ensembles sowie in Kooperation mit zahlreichen Stuttgarter Institutionen entsteht dadurch das Programm eines weit über die Grenzen der Landeshauptstadt strahlenden Festivals.

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Der programmatische Rahmen aus Eröffnungs- und Abschlusskonzert könnte kaum kontrastreicher ausfallen: Den Auftakt markiert der Canto General von Mikis Theodorakis, der den gleichnamigen Gedichtzyklus des chilenischen Nobelpreisträgers Pablo Neruda über den Befreiungskampf Lateinamerikas mit griechischen Klängen und Rhythmen in einem mitreißenden Oratorium vertont hat. Der Chor der Gaechinger Cantorey mit Hans-Christoph Rademann tut sich für dieses ausgefallene Werk mit Solisten und einem bunt besetzten Instrumentalensemble zusammen. Das Ergebnis wird eine musikalische »Geschmacksexplosion«! Gänzlich anders fällt das Abschlusskonzert aus, in dem die Gaechinger Cantorey und Hans-Christoph Rademann ein groß angelegtes musikalisches »Menu Surprise« aus verschiedenartigsten Werken und in wechselnden Besetzungen servieren werden.

Das inhaltliche Rückgrat des gesamten Musikfestprogramms bildet die Reihe »Sichten auf Bach«, in der international führende Bachinterpreten ihren Zugang zu Johann Sebastian Bachs Musik präsentieren, und zwar mit eigens auf das Festivalmotto zugeschnittenen Programmen: Jordi Savall mit »Bach im galanten Stil«, Akademieleiter Hans-Christoph Rademann mit der Gaechinger Cantorey und drei verschiedenen Bach-Kantaten, die auf demselben Gemeindelied basieren (»Geschmacksvergleich«), Alexander Grychtolik und die Deutsche Hofmusik mit Bachs rekonstruierter »Schäferkantate« und der Erstaufführung ihrer Parodiefassung, Václav Luks mit seinem Collegium 1704 und »Bach italienisch« sowie Det Norske Solistkor unter Grete Pedersen mit Bach-Motetten und zeitgenössischen skandinavischen Werken.

Dazu kommen Einzelprogramme, die sich dem Thema »Geschmacksache« aus unterschiedlichen Richtungen nähern. Am Eröffnungswochenende tritt der weltberühmte Pianist Piotr Anderszewski mit einer persönlichen Auswahl aus Bachs »Wohltemperiertem Klavier« auf, und nur zwei Tage später nimmt das englische Gambenensemble Phantasm den Faden wieder auf, um Bearbeitungen von Bachscher Tastenmusik für Gamben als »welltempered Consort« zum Besten zu geben. Die französische Formation Le Caravansérail feiert ihr Stuttgart-Debüt mit einem Barockprogramm zum Thema »Völlerei und Rausch« – eine der sieben Todsünden – beziehungsreich im kulinarischen Ambiente des Weinbaumuseums in Uhlbach, wo zur Musik auch Wein kredenzt wird. Gleiches Thema, anderes Jahrhundert: Tags darauf begeben sich Musiker vom SWR Symphonieorchester ins 20. Jahrhundert und bringen Die sieben Todsünden von Kurt Weill (in einer Bearbeitung von HK Gruber) zur Aufführung.

Apropos Kooperationspartner, neben dem SWR Symphonieorchester treten auch die Stuttgarter Philharmoniker unter Chefdirigent Dan Ettinger im Musikfest auf, mit klassischen Werken aus der Geschmacksperspektive des Erz-Romantikers Franz Liszt: Schuberts Wanderer-Fantasie in eigener Bearbeitung für großes Orchester und seine Faust-Symphonie nach Goethes epochaler Tragödie. Die Internationale Hugo-Wolf-Akademie präsentiert Richard Strauss’ Liederzyklus Krämerspiegel auf Texte des Musikkritikers Alfred Kerr, in dem – beinahe schon geschmacklos – die Musikverleger der Zeit mit bissigem Spott überzogen werden.

Die Versammlung internationaler Spitzenchöre bildet einen weiteren »Geschmacksgipfel« im Musikfest: Anlässlich des Praetorius-Jahres schickt der RIAS Kammerchor Michael Praetorius auf eine fiktive Reise zu seinen Zeitgenossen ins Italien des 17. Jahrhunderts, während die berühmten Tallis Scholars mit einem Programm »Von Palestrina bis Bach« ihre Expertise in den unterschiedlichsten Stilen Alter Musik unter Beweis stellen. Gänzlich anders wiederum klingt der Intrada Chor aus Moskau, der dem Musikfest-Publikum russische Seelengesänge vom 18. bis ins 20. Jahrhundert näherbringt.

Wenn es schon um unterschiedlichste Geschmäcker geht, dann dürfen ungewöhnliche Formate natürlich nicht fehlen: die aus Musikern der Wiener und Berliner Philharmoniker bestehende Formation Philharmonix brilliert virtuos in Klassik, Jazz, jüdischer Volksmusik, Latin und Pop mit einem Programm, das von den Künstlern spontan auf der Bühne bestimmt und moderiert wird. Zu derartig überraschenden Formaten zählt ebenso das Lounge-Konzert »Dances«, mit einer Fusion aus Elektromusik und einer Cello-Suite von J.S. Bach, deren Performance hinterher in gemeinsames Tanzen übergehen kann. »Bach im Raum« wiederum erforscht als Nachtkonzert mit Saxophonquartett, Organisten und dem Stuttgarter Kammerorchester Bachs Kunst der Fuge in Form einer Rauminstallation mit wechselnden Positionen der einzelnen Musiker. Mitten im Stuttgarter Zentrum findet am vorletzten Tag ein Wandelkonzert statt, mit Open-Air-Auftakt und Einzelkonzerten an unterschiedlichen Orten, die es dem Publikum ermöglichen, zwischen verschiedenen »Geschmäckern« hin und her zu wandeln und sich am Ende, gemeinsam, beim fetzigen Abendkonzert der Gruppe Faltenradio einzufinden: ein Quartett aus drei Klarinetten und einem Akkordeon, das sich einem Stilmix aus österreichischer Volksmusik, Jazz, Klassik, Tango und Klezmer verschrieben hat.

Die Reihe »Unternehmen Musik« integriert schließlich mit Konzerten in führenden Unternehmen aus der Umgebung (Kärcher, TRUMPF, Klett Gruppe, ElringKlinger AG) das einzigartige Profil der Region Stuttgart aus »high tech« und »high culture« ins Musikfest Stuttgart. Zum Musikprogramm gesellt sich eine thematisch breit gefächerte Schiene an Wortveranstaltungen, die das Thema »Geschmacksache« aus musikalischer wie außermusikalischer Perspektive beleuchten. Über Geschmack lässt sich nicht streiten, heißt es seit der Antike. Natürlich nicht. Aber es macht großen Spaß, ihn in unterschiedlichsten Ausprägungen gemeinsam zu genießen!

Henning Bey

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Vermischter Geschmack